Vom Krieg geschrieben

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Vom Krieg geschrieben

Beitragvon sworth » Di 16.Mär 2010, 23:05

Habe ich vor einiger Zeit notiert. War damals ein ziemlich eindrücklicher Traum.


Wie genau der Krieg ausbrach, weiss niemand mehr. Einem schwelenden Feuer gleich begann es, der Konflikt entwickelte sich schliesslich aus einer gigantischen Kette politischer und religiöser Beweggründe. Nun geht es aber um wichtigere Dinge. An erster Stelle um das nackte Überleben. Das Dorf in den Bergen vermittelte einen sicheren, festen Eindruck, als wir vor zwei Tagen auf der Höhe des erhabenen Gesteins eintrafen. Wir wurden von den Einheimischen aufgenommen. Wir dachten, dass uns hoch oben, umgeben von schroffen Felsen, nichts passieren konnte. In Anbetracht der Lage im Mittelland scheint diese Einschätzung auch gerechtfertigt, ganze Städte werden bereits ausgelöscht, kleine Siedlungen in der Höhe bleiben ungeachtet. In jedem Augenblick vernehmen wir das entfernte Knallen und Rattern der Kriegsmaschinerie, das dumpfe, dröhnende Einschlagen gewaltiger Artillerie, die hohen, zischenden Laute der unnachgiebig feuernden Flaks. Nachts sieht man die Truppen der Eindringlinge sich einer hellen, feurigen Schlange gleich durch die kleinen Wälder und weitläufigen, freien Ebenen winden.

Im Morgengrauen nach der zweiten schlaflosen Nacht werden wir durch das jähe, schrille Heulen der Sirenen geweckt. Der Feind ist auf dem Weg zu uns. Chaos bricht aus. Die Menschen stürzen aus den Häusern. Sie rennen alle durcheinander, die kleinen Gässchen des Dorfes sind der überstürzten Flucht hinderlich, Menschen werden zu Boden geworfen. Manchmal kann ihnen nicht wieder rechtzeitig auf die Beine geholfen werden. Nichts ist organisiert, dennoch existiert eine seltsame, chaotische Ordnung. Es scheint wie von Instinkten gesteuert; eines teilen alle: Die Fluchtrichtung. Alle erhoffen sich auf einer Anhöhe den nötigen Schutz, um den Panzern und Geländewagen zu entgehen, der kleine Wald hoch oben bietet wohl auch einige Verstecke. Vielleicht gelingt es so, dem Interesse der Invasoren zu entgehen. Das würde bereits reichen. Es wird nicht immer Rücksicht auf die Alten und Schwachen genommen, ich versuche aber, hie und da über und unter Hindernissen hinweg zu helfen. Der Aufstieg zur Anhöhe ist äusserst anstrengend, obwohl wir alles Hab und Gut zurückgelassen haben. Die Todesangst verleiht ungeahnte Kräfte. Ich bewege mich am Ende des Stroms aus Flüchtigen, sehe zu, dass möglichst niemand den Anschluss verliert. Meine Familie habe ich aus den Augen verloren, ich vermute sie auf der anderen Seite der Flüchtigen. Zur Hälfte habe ich den Aufstieg hinter mich gebracht, erreiche ein kleines Plateau und erlaube mir, mich kurz auszuruhen. Neben mir eilen die letzten Flüchtlinge, scheinbar unermüdlich, der erhofft sicheren Anhöhe entgegen. Ich sitze da, willens, mich gleich wieder an den Aufstieg zu wagen.

Ich sehe über den Rand der Plattform und bemerke, wie ein kleiner Konvoi in das Dorf einfährt. Ein paar Gestalten springen aus einem Lastwagen, laden Kisten aus. Ich will wissen, was sie da tun und verweile so noch einige Augenblicke. Die Gestalten scheinen ihr Tun nun vollendet zu haben, sie springen zurück in die Fahrzeuge und sind schon bald wieder ausser Sichtweite. Darf Entwarnung gegeben werden? Schon will ich erfreut den hintersten Reihen hinterher eilen, als das Dorf in einem gewaltigen Feuerball untergeht. Lautlos breiten sich die Flammen aus, umwinden und verzehren alles. Rasend schnell ist das ganze Dorf eingehüllt. Und nun höre ich den Knall. Es ist bloss eine kurze Momentaufnahme, meine Trommelfelle scheinen zu Platzen wie die Hülle einer überreifen, zu Boden fallenden Frucht. Vielleicht taten sie das auch, denn ich höre innert kürzester Zeit nichts mehr. Ein tauber Schmerz macht sich in meinem Körper breit, die Druckwelle quetscht den Kopf zusammen und die Luft aus den Lungen. Die herrlich anzuschauende, schrecklich tödliche Wand aus Feuer rollt die Anhöhe hinauf. Direkt in unsere Richtung. Längst denke ich nicht mehr an das Überleben, mein Tod ist geschrieben. Als würde die Zeit plötzlich langsamer vergehen, sitze ich da und sinniere, ob es vielleicht meine Familie bis nach ganz oben, ausser Reichweite des Feuerballs geschafft hat. Nicht einmal unbedingt meine Familie, nein, ob auch nur einer der Flüchtigen der Feuerwand entgehen kann. Die Chance dürfte sehr gering sein. Ich hoffe inbrünstig, dass nicht alle diesem feurigen Schicksal anheim fallen.

Angesichts des Todes geht in mir ein komischer Prozess vonstatten. Alles erscheint unwichtig, alles verliert sich in der Unendlichkeit der Zeit. Ein plötzlicher Frieden durchflutet mich. Frieden mit mir. Frieden mit der Welt. Die Wand ist heran und verhüllt meine Gestalt. Mein selig lächelndes Gesicht wird sofort verglüht. Dann… Nichts.
Schnell! Hart! Tot! Ja, so muss es sein!
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Beitragvon Bismarck » Mi 14.Apr 2010, 21:53

Geil! gefällt mir! Finds gut geschrieben.
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Beitragvon sworth » Sa 12.Jun 2010, 15:11

Danke. :)
Schnell! Hart! Tot! Ja, so muss es sein!
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