Das Buch

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Das Buch

Beitragvon Bismarck » Mi 21.Okt 2009, 21:13

Das Buch

Und als er dachte, dass ich ihn nicht beobachte, nahm er das Buch, wog wie schwer es war und stellte es in sein Regal. Er nahm es wieder und wieder in die Hand, um es zu wiegen. Nicht mit der alten Wage in seinem Haus, die funktionierte ja nicht mehr richtig. Er verließ sich auf seine eigene Schätzung. Und wenn er mit Wiegen fertig war. stellte er es in das Regal zurück. Es geht ihm also etwas besser, als noch vor einem Jahr. Jetzt nimmt er das Buch nur noch in die Hand, um sein Gewicht zu messen, damals noch "las" er es. Er zählte die Buchstaben, die Seiten und rechnete das Gesamtgewicht aus.
Heute hat er wieder etwas Zeit sich mit seinen Zeitschriften und anderen Büchern zu beschäftigen. Er war damals 70 jahre alt, heute zählt er nur noch 53 Jahre. Sieht gut aus, das sage ich ihm immer wieder. Er lächelt dann immer, bis er kurz etwa 45 jahre alt ist (aber nur für minuten). Länger sind unsere Unterhaltungen meist nicht. Er erzählt nur etwas von seinen Messungen. Dann gehe ich wieder, will ja keine Umstände machen.
Ich schreibe Ihnen dies, damit Sie für ihn beten. Ich hasse es seine Lesebrille verstecken zu müssen und sein Buch in die Mitte des Regals zu räumen, damit er einmal entdeckt, dass dort noch andere Bücher stehen (ich schenkte sie ihm). Ich selbst blätterte in diesem Buch ein zwei Male, wenn er unvorsichtig den Raum verließ, aber ich kann diese alte Schrift auf diesen dicken Seiten nicht mehr lesen. Irgendetwas muss darin stehen, dass bewirkt, dass er seine Lesebrille wegnehmen muss (er findet sie ja doch immer wieder), und zu seinen Tüchern greifen muss, weil seine Augen zu tränen beginnen. Ich vermute das diese verdammte Schrift nicht gut für das Sehen ist.
Er macht, ich hatte es ja bereits erwähnt, Fortschritte. Seine Jahre kommen wieder. Aber bis er durch seine Tür kommt, wird es noch einige Jahre dauern, und bis dahin werden seine Arme und Schultern vom Wiegen zu voluminös sein, das er durchpasst. Die mit einem Altersschloss versehene Tür ist einfach zu klein. Die Zeit jünger zu werden läuft ihm davon. Beten Sie bitte, er muss es einfach schaffen. Wir brauchen ihn hier draußen, das wissen Sie. Er muss zu wiegen aufhören, weil das Buch so schwer ist.
Es ist so verdammt schwer, wissen sie. Ich konnte den Autoren zwar nicht entziffern, aber ich hasse ihn, wer auch immer er ist. Niemand darf einem Kind so etwas schweres zu heben und zu lesen geben, dass es derart vergereißt. Die Idee mit dem Altersschloss hat das schlimmste zwar aufhalten können, aber auch das allein wird ihn nicht retten. Aber ohne ihn haben wir da draußen keine Chance. Nur die Einheit und Ganzheit der Donner-Drillinge wird jenen Bösen aufhalten, ich bitte Sie zu beten und unseren Bruder auch wieder einmal zu besuchen. Er redet immer gerne von Ihnen. Und sie sollen die Finger von den Büchern lassen, murmelt er immer wieder. Jetzt da ich Ihnen schreibe, wächst in mir Mut, da ich an uns drei denke. Zu dritt sind wir strahlendes Weiß. Ach, was freu ich mich auf diesen Tag, sollen sie zittern, die wider uns sind. Kein Buch darf uns halten, solange wir es nicht halten, sobald wir es nicht mehr halten. Es grüßt im Bruderkuss, GM.
Amen
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