Last Minute-Weihnachtsgeschichte

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Last Minute-Weihnachtsgeschichte

Beitragvon Abed-Nego » Mi 24.Dez 2014, 21:41

Hallo Leute

Viel Spass beim Lesen und allen hier gesegnete Festtage!
Der Autor dieser Geschichte ist offenbar nicht bekannt, gemäss (un)zuverlässigen Quellen aus dem World Wide Web soll es sich um einen exorzierten Weihnachtselfen handeln. Aber so ganz sicher ist man sich da nicht. => scheint sich dabei um ein ähnliches Phänomen zu handeln, wie es auch bei unzähligen finsteren Black Metal-Projekten vorkommt. :lol:

Okay, genug Spass, jetzt wird's ganz ernst :wink: :

IRGENDWAS FEHLT (beinahe) eine Weihnachtsgeschichte

Vormittags

Weihnachten bei Tante Hortensia!
Jedes Jahr freuen sich alle darauf. Denn die Feier am Weihnachtstag bei Tante Hortensia kann man getrost als Höhepunkt des Jahres ansehen: Feines Essen, feine Getränke, tolle Stimmung. Den Gästen mangelt es an nichts. Zwar ist manchmal der Platz am und um den Esstisch etwas knapp, aber das verzeiht man ihr gerne, denn niemand kocht so gut wie Tante Hortensia an Weihnachten.
Auch für Tante Hortensia selbst ist das Weihnachtsfest zu einem wichtigen Anlass geworden in ihrem Jahresprogramm. Sie weiss selber nicht mehr genau, seit wann es sich eingebürgert (oder eingeschlichen?) hat, dass sie die alljährliche Familienweihnachtsfeier organisiert. Irgendwann wurde es einfach selbstverständlich. Und alle sind zufrieden damit. Tante Hortensia ist sogar ein bisschen stolz auf sich, denn schon in so manchem Jahr hat sie die perfekte Weihnachtsfeier organisiert. Es hat sich dabei sowas wie ein regelmässiger Ablauf ergeben; Martin, ihr Schwager, spöttelt manchmal damit, dass man unbedingt „das Protokoll einhalten“ müsse. Aber über solche Bemerkungen sieht Tante Hortensia grosszügig hinweg. Zumindest an Weihnachten. Es bleiben ja genügend Tage im Jahr übrig, es ihrem in jeder Hinsicht aufgeblasenen Schwager heimzahlen zu können.
Bei diesen Gedanken lächelt Tante Hortensia. Martin und ihre Schwester Christel werden kommen, zusammen mit ihren Kindern, dem vorwitzigen „kleinen“, Marco, der jetzt auch schon zehn Jahre alt ist und der älteren Tochter, Jenny, 14-jährig, bei der man in letzter Zeit nie recht weiss, ob sie alleine kommt, gar nicht kommt wegen „kein Bock“, oder zu zweit kommt wegen „Freund“ oder vielleicht irgend ein hässliches Pseudohaustier wie Ratte oder Maus mitschleppt, bei dessen Anblick es Tante Hortensia heiss und kalt wird und sie nicht sehr tierfreundliche Phantasien entwickelt. An der alljährlichen Feier darf auch Tante Hortensias Mutter nicht fehlen, die Mama, wie sie von Tante Hortensia und Christel genannt wird, oder Omi, wie sie von Jenny, Marco und dem dämlichen Martin genannt wird. Je länger die Feier dauern wird, desto unterhaltsamer würde es mit Omi werden. Der Grund liegt, wie könnte es anders sein, an dem Genuss der reichhaltig vorhandenen alkoholischen Getränke, von denen sie jeweils „nur einen kleinen Schluck zum Prosit“, wie sie zu sagen pflegt, eingeschenkt haben will, jedoch grosszügig übersieht, wenn Martin mit der Weinflasche die Runde macht und wortlos die Gläser nachfüllt.

Schon seit einigen Tagen ist Tante Hortensia im Weihnachtsfieber. Heute, am 24. Dezember, Heiligabend, würde sie die hauptsächlichen Vorbereitungen treffen für das grosse Fest von morgen. Gegen Abend wird sie sich dann aufmachen, um im Altersheim im Nachbardorf gemeinsam mit einer alten Tante den Heiligabend zu verbringen. Sonst würde sich ja niemand um die alte Dame kümmern. Es liegt alles an ihr.
Und morgen, am 25. Dezember, an Weihnachten, wird sie nicht allzu früh aufstehen, sich ein gesundes Frühstück und eine Wanderung im Schnee gönnen, bevor sie sich dann an die letzten Vorbereitungen für das abendliche Fest begeben wird.

Während gerade die letzten Plätzchen im Ofen backen, beschliesst Tante Hortensia, dass es jetzt an der Zeit sei, die Stube fertig zu schmücken. Der Weihnachtsbaum steht schon seit gestern und geschmückt ist er auch schon. Aber die Stube erfährt jetzt noch eine entscheidende Veränderung: Der Adventskranz, der während der letzten vier Wochen treue Dienste geleistet hat, wird rausgeschmissen, dafür werden aus dem Keller die Krippenfiguren geholt und an strategisch gut gewählten Orten und Ecken in der Stube aufgebaut. Um etwas Atmosphäre zu schaffen, wird Tante Hortensia auch dieses Mal den Adventskranz, bevor sie ihn rauswirft, auf noch genügend grüne Tannästchen untersuchen um diese dann zum Beispiel auf dem Fensterbrett unter die drei Könige zu legen, damit diese mit ihren Holzfüsschen nicht auf dem kalten Sims ihren weiten Weg zum Stall gehen müssen.

Nachts

Tante Hortensias Wohnzimmer liegt im Dunkeln. Ganz im Dunkeln? Nein, denn über dem Stall aus Holz, in welchem sich die allermeisten Krippenfiguren befinden, leuchtet noch immer der Plastik-Stern-von-Bethlehem, zumindest noch so lange, bis seiner Batterie der Saft ausgeht. Die drei Könige sind einige Meter entfernt auf einem Fensterbrett im stacheligen Tanngeäst positioniert, und neben dem Fernseher in der Ecke grasen ein paar Schafe, welche von ihren gesichtslosen Stoffhirten mit teilnahmsloser Miene bewacht werden.
Würde Tante Hortensia jetzt gerade eben ihr Wohnzimmer betreten und genau zuhören, so würde sie Ohrenzeuge von folgendem Gespräch:
„He, Melchior, hier stimmt was nicht!“
„Was meinst Du mit „hier stimmt was nicht“?
„Na ja“, lässt sich eine dritte Stimme hören, "ich glaube zu wissen, was Melchior meint. Letztes Jahr standen wir auf dem Fenstersims dort drüben!“.
„Nein, nein, das ist es nicht“, sagt die erste Stimme, und weiter, „Melchior, gibt mir doch mal dein Fernrohr rüber, bitte“.
„Das kann ich nicht, das weisst du doch, das kleine Plastikding ist seit 15 Jahren an meinen Stoffhändchen festgeklebt, und das ist so was von unecht zusammengebastelt, damit siehst du keinen Meter weit, ich schwörs Dir!“.
„Was machen wir denn eigentlich hier auf dieser Fensterbank?“ Das ist wieder die dritte Stimme.
„Ich weiss doch auch nicht, das wird schon seinen Grund haben, sonst würden wir nicht alle Jahre wieder von diesem Mensch, den alle nur Tante Hortensia nennen, mit ihren nach Plätzchen duftenden Wurstfingern aus unserem miefenden Karton befreit und hier so schamlos zur Schau gestellt.“ Dies waren die Worte von dem, der Melchior genannt wurde.
„Jetzt hört mir mal genau zu“, sagt der erste, „dort drüben, im Stall, dort stimmt was nicht, dort fehlt doch was! Dort, bei Josef und Maria! Dort, in der Krippe, liegt da nicht jeweils ein… Kind drinn?“
„Ach“, wiegelt der Melchior-Typ ab, „das Licht des Sterns über dem Stall wird immer schwächer. Und sowieso: die Krippe liegt doch im Schatten, das kann man nicht genau feststellen ob da wer oder was fehlt… und überhaupt, was spielt das für eine Rolle, ich meine, hey, wir stehen heuer auch auf Tannästen, das war letztes Jahr auch nicht so…“
Schweigen.
Dann wieder Melchior: „Naja, wenns dich wirklich so brennend interessiert, ruf mal rüber, frag doch diesen Josef mal, ob bei ihnen alles in Ordnung ist?“
„Naja“, kriegt Melchior etwas kleinlaut zur Antwort, „ich weiss nicht, ob er mich hören kann, ich glaub nämlich, der Josef hat keine Ohren…“
„Ja, das ist so. Das weiss ich genau!“, meldet sich der Dritte wieder zu Wort, „dann musst du dich nun halt zwei oder drei Tage gedulden, bis dieses ganze Theater hier vorüber ist, und wir wieder in der Kiste liegen. Dann kannst den Josef aus der Nähe fragen. Aber ich warne dich: du musst LAUT sprechen!“

Hier verlassen wir das Wohnzimmer von Tante Hortensia und begeben uns zu Bett. Denn schliesslich ist es schon spät, und morgen steht uns allen ein strenger Weihnachtstag bevor, oder nicht?

Weihnachten

Der Weihnachtsschmaus hat sich zum gewünschten Erfolg entwickelt! Tante Hortensia lächelt beim Dessert zufrieden in sich hinein. Omi ist in guter, aber noch nicht zu guter, Stimmung, Christel ist weihnächtlich hilfsbereit, Marco und Jenny zeigen sich von ihren besten Seiten und der dämliche Martin nervt auch nur ein kleines bisschen.
Nur etwas gibt Tante Hortensia ganz gewaltig zu denken: Kaum hat die Familien-Invasion vor ein paar Stunden stattgefunden, hatte der kleine Marco etwas auszusetzen gehabt: Er, der sich sonst kaum um irgendwas scherte, war schnurstracks zum Stall von Bethlehem marschiert und hat den – mittlerweile in verschiedenen Farben blinkenden Plastikstern (Tante Hortensia hatte Batterie und Leuchtmodus zur Feier des Tages gewechselt) mit einem „wow cool“ gewürdigt – bis der kleine freche Bengel doch was auszusetzen hatte: „Hee, Tante Hortensia, da fehlt doch was, da fehlt doch was! Da gehört doch noch ein Baby in diese Futterkrippe rein, oder nicht?“ Tante Hortensia erschrak, konnte jedoch weder etwas entgegnen, geschweige denn, nachsehen, ob ihr bei der Dekoration ein Fehler unterlaufen ist, denn der Ofen verkündete in dem Moment mit einem schrillen Pfeifen, dass der Weihnachtsbraten gar ist und Christel wies ihre drei, beziehungsweise zwei Kinder mit militärischem Ton an, sich die Hände zu waschen und sich zu Tische zu begeben, wo Omi bereits bei einem vollen Glas Wein auf ihre Lieben wartete.

Ja, und jetzt, wo alle am Tisch sitzen und genüsslich ihr Dessert schmatzen oder den Kaffee schlürfen, jetzt hat Tante Hortensia Zeit, den bisherigen Verlauf der diesjährigen Weihnachtsfeier Revue passieren zu lassen. „Protokoll zu führen“, wie Martin es ausdrücken würde. „Ach, wieso nur lässt mich das Fehlen dieser einen, kleinen Krippenfigur einfach nicht los?“, denkt sich Tante Hortensia, „das ist doch kein Weltuntergang. Ich meine, sonst läuft doch alles hervorragend, es gibt doch keinen Grund, sich über so ein unwichtiges Detail aufzuregen. Und überhaupt, hätte der Marco nichts gesagt, wäre das alles halb so…“ –
„Da ist es!“
Marcos Schrei reisst Tante Hortensia aus ihren Gedanken zurück an den Esstisch. Vor Schreck lässt sie beinahe ihre Kaffeetasse fallen. Sie beobachtet, wie Marco von seinem Stuhl klettert und sich auf den Boden neben den Esstisch kniet.
„Marco!“, schreien Christel, Jenny und Martin unisono, und die Mama tadelt: „Du weisst doch, dass man sich erst vom Tisch entfernt, wenn alle ausgegessen haben!“
„Aber hier ist es doch, das Baby!“ Marco steht wieder auf und wedelt heftig mit seiner rechten Hand, in der er etwas Kleines festhält. „Halt mal still, Kleiner“, gebietet ihm Tante Hortensia. Und dann sieht sie es, das kleine süsse Stoffpüppchen, eigentlich nur ein Köpfchen auf einem Korken, mit weissem Tuch umwickelt.
„Gütiger Himmel, der muss mir gestern Nachmittag aus dem Karton gefallen sein!“ ruft Tante Hortensia, und schlägt sich die Hände über dem Kopf zusammen, während Christel plötzlich aufschreit: „Ach herrje, Marco, gib deiner Tante sofort dieses Figürchen, bevor du es noch mehr bekleckerst! Schau dir bloss deine Schoko-Finger an!“

Tante Hortensia nimmt das Figürchen aus Marcos Hand, steht vom Tisch auf und geht zum Krippenspiel. Marco folgt ihr. Tante Hortensia legt das Figürchen ins Kripplein, genau dorthin, wo es eigentlich gehört. Dann geht Tante Hortensia wieder zurück an den Esstisch. Marco jedoch bleibt einen Moment noch stehen und schaut sich die Szene im Stall an. Dann hebt er sachte seinen Zeigefinder der rechten Hand. Er sieht, wie schmutzig dieser ist. Schnell zieht er ihn wieder zurück Dann hebt er den Zeigefinger seiner linken Hand. Vorsichtig berührt er das weiche Gesichtchen des Babys und flüstert so leise, dass es die andern am Esstisch nicht hören können: „Armes Baby, du tust mir leid. Zuerst fällst du aus Tante Hortensias Karton, und dann musst du hier drin so rumliegen. Ich finde, du hättest was Besseres verdient!“
Er blickt sich um. Vielleicht lässt sich in Tante Hortensias Stube einen besseren Platz für das Kindchen finden, einer, von dem aus das Baby alles überblicken könnte. – Da drüben, auf dem Regal oberhalb des Fernsehers vielleicht… Doch zur Ausführung seiner Pläne kommt Marco leider nicht, denn seine Mutter erinnert ihn mit forscher Stimme daran, dass man den Esstisch nicht verlässt, bevor alle ausgegessen haben und dass sie dies dem kleinen Herrn gefälligst nicht zum tausendsten Mal sagen wollte…

Epilog

Gott liebt die Menschen so sehr, dass er seinen einzigen Sohn hergibt und von den Menschen und dem heutigen Zeitgeist erniedrigen und zur Nebensache degradieren lässt (frei nach Johannes 3,16).
And I pray for a changed heart, to walk with you, Lord, and never depart!
(Place of Skulls)
 
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Registriert: Mo 05.Nov 2007, 19:06
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