Last Minute-Weihnachtsgeschichte 2017

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Last Minute-Weihnachtsgeschichte 2017

Beitragvon Abed-Nego » So 24.Dez 2017, 22:33

Gesegnete Weihnachten Euch allen! :)


Der Dieb, der Nachtwächter und das Licht der Welt
(beinahe eine Weihnachtsgeschichte)


Der Dieb

Seit einigen Tagen herrschte im sonst eher ruhigen Bethlehem das pure Chaos. Wegen einer von den Römern angeordneten Volkszählung mussten sich alle Bürger des Landes in ihren Heimatort begeben. So war auch in Bethlehem ein einziges Kommen und Gehen. Fremde trafen täglich auf ihren Maultieren oder zu Fuss von weither in der Stadt ein und suchten sich eine Bleibe für einige Tage, bis sie die Formalitäten erledigt hatten. Derweil machten sich viele Bewohner Bethlehems ebenfalls auf, um sich in ihrer Heimatstadt registrieren zu lassen.

In Bethlehem lebten zwei Brüder. Sie bewohnten das Haus ihres Vaters. Der eine Bruder war ein Nachtwächter und der andere Bruder war ein Dieb. Während der eine wusste, dass sein Bruder als Nachtwächter seinen Lohn verdiente, wusste der andere nicht, dass sein Bruder ein Dieb war.
Diese beiden Brüder waren Einheimische. Wie die anderen Einheimischen waren auch sie froh, dass sie ihre geliebte Heimatstadt für die Volkszählung nicht verlassen mussten.
Der Dieb freute sich sehr über den Trubel, denn je mehr er das emsige Treiben beobachtete, desto verheissungsvoller schienen ihm die noch kommenden Tage und vor allem Nächte zu werden. Der verantwortungsbewusste Nachtwächter machte sich derweil ganz andere Gedanken: Wie sollte es ihm und seinen Kameraden bloss gelingen, den Überblick in diesem Chaos zu behalten? Die zahlreichen verriegelten und verrammelten Wohnungen und Häuser waren begehrliche Objekte für Einbrecher oder Plünderer. Genauso konnten die Ankömmlinge leicht zu Opfern von hinterhältigen Taschendieben werden. Und die anwesenden römischen Legionäre hatten in diesen Tagen sowieso schon alle Hände voll zu tun. Sie mussten sicherstellen, dass die Volkszählung korrekt umgesetzt wurde. Als wäre dies nicht bereits genug, brodelte seit geraumer Zeit ein Gerücht unter der jüdischen Bevölkerung. Diese wartete nämlich sehnlichst auf einen sogenannten „Erlöser“, welcher sie von der römischen Besatzung befreien sollte. Und solche Unruhen oder gar ein handfester Volksaufstand war das Letzte, was die Römer in der aktuellen Situation gebrauchen konnten.

Eines Abends befand der Dieb, er habe die Lage zur Genüge beobachtet und entschied, dass die kommende Nacht wohl die beste Gelegenheit für einen einträglichen Streifzug durch Bethlehem bot. Denn noch immer trafen in hoher Regelmässigkeit neue Fremde, in der Stadt ein. Er hatte auch gehört, dass die Gasthäuser langsam an ihre Grenzen stiessen und wohl in Kürze sämtliche Zimmer in ganz Bethlehem besetzt sein würden. Mit eigenen Augen hatte er gesehen, dass einige Gaststätten gegen eine überzogene Bezahlung sogar ihre Schankstuben als Nachtlager anboten.

Der Dieb beschloss, zu später Stunde aufzubrechen. Weil es mit einem gewissen Risiko verbunden war, mit seinem Bruder im selben Haus zu wohnen, hatte er seine Werkzeuge, die jeder Dieb von Format nun einmal besass, etwas ausserhalb der Stadt, in einer kleinen Höhle versteckt. Diese Höhle benutzte er manchmal auch als Zwischenlager für sein Diebesgut. Bevor der Dieb also mit seiner Arbeit beginnen konnte, musste er zu seinem Versteck.
Doch zuallererst hatte er noch etwas sehr wichtiges zu erledigen. Etwas, dass ihm, wie er glaubte, einen gewissen Vorteil schaffte, und was verhinderte, dass ihm sein Bruder auf die Schliche kommen könnte. Das wäre nämlich nicht sehr klug! Der Dieb wusste genau, dass ein Nachtwächter ohne seine Lampe in der Nacht seinen Dienst nicht erfüllen konnte. Und der Dieb wusste zufälligerweise auch, wo sein Bruder seine Lampe aufbewahrte…

Der Nachtwächter

Kurz bevor es dunkel wurde, machte sich der Nachtwächter bereit für seinen Dienst. Er warf sich sein Arbeitsgewand über und nahm den massiven Holzstecken, der ihn auf seinen nächtlichen Rundgängen immer begleitete. Auf dem Stab konnte er sich zwischendurch ausruhen und er hielt ihm zudem erfolgreich das nächtliche Gesindel fern, wenn er ihn zu gegebenem Anlass wirksam einsetzte.
Dann ging der Nachtwächter in seine Werkstatt, um sich seine tragbare Talglampe für den bevorstehenden Dienst vorzubereiten. Doch so sehr sich der Nachtwächter in der Werkstatt umschaute, er konnte seine Lampe nirgends finden. So verliess er seine Werkstatt und ging zurück ins Haus. Der Nachtwächter durchsuchte alle Räume, ja er wagte sich sogar ausnahmsweise in die Räume die sein Bruder bewohnte, obwohl er dies sonst niemals tat. Aber manchmal konnte einen sein Bruder schon zur Weissglut treiben, dachte der Nachtwächter bei sich. Es war nicht das erste Mal, dass sich sein Bruder bei ihm ungefragt Dinge ausborgte und dann erst wieder auf ausdrückliches Verlangen hin zurückgab.

Die Stunde seines Dienstantrittes rückte näher, doch die Lampe blieb verschwunden. So beschloss er, dass er wohl zu einem seiner Kollegen gehen müsse, um von ihm eine Nachtleuchte ausleihen zu können. Es war schon spät, als er sich auf den Weg machte. Und obwohl der Nachtwächter seine Heimatstadt sehr gut kannte, kam er doch nur mühsam voran. Denn selbst in den hintersten Gassen irrten noch immer diese Fremden herum, hoffend, dass ihnen irgendeine wohlgesinnte Seele vielleicht doch noch ein Nachtlager anbieten konnte. Mit all den Pilgern, welche verzweifelt nach einer Unterkunft Ausschau hielten, hatte er Erbarmen. Einem alten Ehepaar, dass ohne Maultier unterwegs war, gab er einen Hinweis, wo sie ihr Glück versuchen konnten, und als er dann noch verlauten liess, dass er der Nachtwächter von Bethlehem sei, verbreitete sich diese Kunde wie ein Lauffeuer in der engen Gasse. Plötzlich sah sich der arme Nachtwächter von ganz vielen Fremden umringt, welche ihn um einen guten Hinweis anbettelten.

Als er sich endlich losreissen konnte, beschleunigte er seine Schritte. Denn ihm schien, als müssten Stunden vergangen sein, seit er von zu Hause aufgebrochen war. Doch je mehr er sich dem Ende der Stadt näherte, wo sein Kollege wohnte, desto mehr hatte er das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmte: Eigentlich müsste es doch um diese Zeit viel dunkler sein. Nur die Sterne spendeten der Stadt und den angrenzenden Feldern und Hügeln bei klarem Himmel ein fahles Licht. Doch heute Nacht war das Licht irgendwie anders. Als hätte jemand ganz weit oben eine grosse Laterne befestigt und angezündet.
Der Nachtwächter schaute zum Himmel empor. Dort sah er einen grossen, hell leuchtenden Stern.

Das Licht der Welt

Auch der Dieb brauchte sehr lange, um in der Stadt vorwärts zu kommen. Er hatte zwar von Anfang an einen kleinen Umweg durch verschiedene abgelegene Gassen eingeplant, aber dass er so viel Zeit verlieren würde, bis er endlich die letzten Häuser der Stadt und die offenen Felder dahinter erblickte, damit hatte er nicht gerechnet. Der Zweck für seinen Umweg war nicht etwa, um den Menschenströmen auszuweichen, sondern viel mehr, um sich einige der verlassenen und verriegelten Häuser genauer anzusehen. Er schlich durch die Strassen und Gassen und merkte sich diejenigen Häuser, denen er später einen Besuch abstatten wollte. Die grosse Menschenmenge kam ihm dabei ganz gelegen. So konnte er sich langsam im Strom der Pilger vorwärts bewegen, oder stehen bleiben und sich unauffällig umschauen. Wie wenn er einer von ihnen wäre und nach einer Unterkunft Ausschau hielte.
Als er sich endlich dem Ende der Stadt näherte, überkam ihn das Gefühl, dass etwas anders war als sonst. Er schaute sich um. In seiner rechten Hand hielt er noch immer die Laterne, welche er seinem Bruder entwendet hatte. Das Licht hatte er nicht angemacht. Als Dieb brauchte er dieses sowieso nicht. Ihm war es viel angenehmer wenn es dunkel war. Doch genau das war es, was ihm nicht gefiel: Eigentlich hätte es zu dieser späten Stunde doch viel dunkler sein müssen hier draussen! Wenn er es sich recht überlegte, schien es sogar immer heller zu werden! Er runzelte die Stirn, dachte nach. Das war nicht nur sehr ungewöhnlich, sondern konnte ihm unter Umständen sein ganzes Vorhaben für diese Nacht gefährden. Der Dieb blickte zum Himmel hinauf. Dort oben hing ein grosser Stern, der die ganze Gegend hell erleuchtete. Viel zu hell, befand der Dieb.

Mit raschen Schritten ging er vorwärts, immer weiter in die Felder hinaus, in die Richtung seines Verstecks. Bald würde er dort sein. Nur noch an wenigen alten Ställen vorbei, dann noch ein paar Schritte durch dichtes Buschwerk, und er befand sich bei seinem sicheren Versteck.
Doch plötzlich stockte er. Ausgerechnet bei einem halb verfallenen, windschiefen Stall, an dem er zwingend vorbei musste, war eine grosse Menschenmenge versammelt. Aus der Ferne erkannte er, dass es vor allem Hirten waren, die sich um den Eingang des Stalles drängelten. Aber auch einige Menschen aus anderen, höheren Gesellschaftsschichten standen dabei. Als er vorsichtig noch etwas näher trat, sah er sogar Fremde, welche unverkennbar in sehr kostbare Gewänder gekleidet waren. Es schien dem Dieb unmöglich, unbemerkt an der versammelten Menschenmenge vorbei zu schleichen, denn dieser unsäglich hell leuchtende Stern hing direkt über dem Stall!

Plötzlich drang vom Stall her das leise Wimmern eines Neugeborenen an sein Ohr. Zum zweiten Mal runzelte der Dieb die Stirn. Das alles ergab ihm keinen Sinn. Ein Neugeborenes in diesem halb verfallenen Stall, unzählige Besucher aus allen Gesellschaftsschichten, welche sich friedlich um den Eingang drängelten oder sich angeregt unterhielten; es passte hier draussen einfach gar nichts zusammen und es passte zudem überhaupt nicht in seine Pläne. Doch er war sich sicher, dort drüben musste sich in diesem Augenblick etwas sehr Bedeutendes ereignen. Der Dieb beschloss, sich unauffällig unter die Leute zu mischen, denn das konnte er gut. Weil er wollte wissen, was da vor sich ging.
Dann sah er plötzlich, wie sein Bruder aus dem Stall hinaus trat. Glücklich lächelnd scherzte dieser mit ein paar der daneben stehenden Leuten, dann drehte er sich in seine Richtung und kam direkt auf ihn zu.
Der Dieb besass gute Reflexe. Noch während er sich wunderte, seinen Bruder hier draussen anzutreffen, reagierten seine flinken Beine. Er machte kehrt und rannte direkt in die Stadt zurück, immer bemüht, sich nicht allzu sehr im hellen Licht zu bewegen. Sein Bruder durfte ihn unter gar keinen Umständen hier draussen entdecken!

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Auch der Nachtwächter hatte sich über das helle Licht sehr gewundert und er wollte natürlich wissen, was dies bedeutete. Er musste nicht lange suchen, bis er den Ursprung des Lichtes fand, diesen alten verlotterten Stall, über dem der Stern zu stehen schien. Zuerst dachte er an einen Tumult, als er die vielen unterschiedlichen Menschen sah, die sich um den Eingang drängelten. Deshalb schritt er rasch auf die Menge zu, seinen Stock hoch erhoben. Innerlich bereitete er sich bereits darauf vor, einmal mehr eine Auseinandersetzung zwischen seinen Landsleuten schlichten zu müssen. Etwas, dass er gut konnte, im Gegensatz zu den römischen Legionären, welche darin überhaupt kein Fingerspitzengefühl zeigten. Doch der Nachtwächter bemerkte bald, dass die Stimmung ganz und gar nicht aufgeheizt, sondern sehr fröhlich war.
Er hörte den Gesprächen zu und vernahm die Geschichten, welche ausgetauscht wurden:
Von den weisen Männern, die aus weit entfernten Ländern kamen und eben diesem Stern gefolgt sind, der sie bis hierher geleitet hatte.
Von dem Stern, den sie als Zeichen der Geburt eines mächtigen Königs deuteten.
Oder von den Hirten, die aufgeregt erzählten, wie sie auf ihren einsamen Feldern von einer ganzen Armee von himmlischen Wesen zuerst aufgeschreckt aber dann mit der besten Botschaft beschenkt wurden, die sich die armen Hirten nur denken konnten: „Euch ist heute der Heiland geboren…“

Nachdem auch der Nachtwächter einen scheuen Blick in den Stall und auf das junge Paar mit dem Neugeborenen geworfen hatte, war er tief berührt. In diesem Moment dachte er an seinen Bruder, mit dem er zwar unter einem Dach lebte, aber mit dem er sonst gar nicht mehr viel zu tun hatte. Er wusste nicht einmal, woran das lag. Es gab Tage, an denen sie sich nicht ein einziges Mal über den Weg liefen. Ja, sie hatten schon immer ihre Differenzen, und ja, sie waren in vielen Dingen völlig verschieden. Aber in diesem Augenblick wünschte er sich, dass auch sein Bruder Zeuge von diesem Moment sein durfte. Er blickte auf, in Richtung der Stadt und beschloss, sich auf den Heimweg zu begeben. Plötzlich meinte er, seinen Bruder weiter hinten gesehen zu haben. War sein Bruder etwa auch hier gewesen? – Er beschloss, ihn bei nächster Gelegenheit danach zu fragen.

Der Nachtwächter wollte nach Hause, um sich auszuruhen. In dieser Nacht, so dachte er, brauchte es keinen Nachtwächter. Es brauchte niemanden, der ein kleines Nachtlicht durch die Strassen trug. Nein, in dieser Nacht schien ein viel mächtigeres Licht auf die Stadt herab, ein Licht wie ein Auge, dass über der Stadt zu wachen und zu ruhen schien.

Auch der Dieb beschloss, sich trotz unverrichteter Dinge wieder nach Hause zu begeben. Er musste sich eingestehen, dass er nach den vielen Tagen, in denen er das ganze Treiben in der Stadt genau beobachtete, auch mal eine Mütze Schlaf gebrauchen konnte. Es schien ihm auch, als sei in dieser Nacht sein Handwerk nicht gefragt. Vielleicht lag es ja nur an diesem Licht, das nicht nur den alten Stall, sondern die ganze Stadt erleuchtete. Er hatte das Gefühl, dass es vielleicht auch mit den Ereignissen zusammenhing, die sich bei diesem Stall draussen abspielten. Er wollte sich bei nächster Gelegenheit bei einigen Hirten über das Geschehene erkundigen. Oder sollte er vielleicht ganz vorsichtig und möglichst unauffällig seinen Bruder darauf ansprechen? Sein Bruder war ja schliesslich der Nachtwächter und wusste doch hoffentlich Bescheid, wenn sich in Bethlehem etwas Wichtiges ereignete. Mit diesem Argument könnte er vielleicht fragen, ohne bei seinem Bruder Argwohn zu schüren.

Denn ihm schien es, als sei in dieser Nacht etwas wirklich Aussergewöhnliches geschehen…
And I pray for a changed heart, to walk with you, Lord, and never depart!
(Place of Skulls)
 
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