Last Minute-Weihnachtsgeschichte 2016

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Last Minute-Weihnachtsgeschichte 2016

Beitragvon Abed-Nego » Sa 24.Dez 2016, 22:28

Frohe Weihnachten allen hier!!! :lol:

Das vierundzwanzigste Türchen
(beinahe) eine Weihnachtsgeschichte

Genug ist genug!
Das muss einfach mal gesagt sein. Und jetzt, genau jetzt, ist der richtige Moment dazu. Sowas lässt ein richtiger römischer Feldherr nicht auf sich sitzen!

Übrigens, ich heisse Tim. Aber das tut nichts zur Sache. Denn ich bin auf einer Mission. Mein Feldzug ist gestartet. Alles ist bereit, der finale Schlag gegen den Feind kann erfolgen. Ich brauche nur noch zu warten. Der Feind, das ist Anna, meine Schwester. Sie ist sieben Jahre alt, also beinahe fünf Jahre jünger als ich. Deshalb ist sie meine kleine Schwester. Und ich bin der grosse Feldherr. So wie in dem Film mit den Römern, den ich gestern Abend mit meinen Eltern im Fernsehen schauen durfte. Heute ist der 24. Dezember und gestern war mein letzter Schultag für dieses Jahr. Also musste ich heute nicht früh aufstehen und meine Eltern erlaubten mir, den Film bis zum Ende zu sehen. Weihnachten hat auch sein Gutes!

Ich bin bereit.
Obwohl ich gestern später als Anna zu Bett ging, sitze ich bereits am Esstisch und warte. Alle warten. Mama, Papa und ich, der grosse Feldherr Tim. Anna schläft noch. Ich weiss auch wieso. Wenn ihr wollt, erzähle ich es euch.
Mama hat Anna vor ein paar Minuten aufgeweckt, doch bis Anna zum Frühstück erscheint, dauert es meistens etwas länger. Besonders nach dieser Nacht. Deshalb habe ich wohl genug Zeit, die Geschichte von Anfang an zu erzählen:

Seit ich mich erinnern kann, schenken uns Mama und Papa jeweils einen Adventskalender. Anna kriegt einen, und ich auch. So einer, mit kleinen Schokoladenfiguren hinter jedem Türchen. Jedes Jahr können wir es kaum erwarten, bis wir bei der 24 angelangt sind. Denn das ist nicht nur das grösste Türchen, sondern dahinter befindet sich auch das grösste Schokoladenstück. Und – aber das war für mich seit je her nur Nebensache – hinter dem 24. Türchen befindet sich auch ein Bild. Fragt mich jetzt nicht, was das für ein Bild jeweils war. Aufgefallen ist es mir erst, als Anna es mal erwähnte. Wie es sich für einen Feldherrn gehört, konzentriere ich mich auf das Wesentliche, und das war und ist die Schokolade. Soweit mal die Ausgangslage.

Am 14. Dezember, also vor genau 10 Tagen wurde Anna dann zu meinem Feind. Ich erwischte Anna nämlich dabei, wie sie sich nach dem Nachtessen, während meine Eltern in der Küche aufräumten, in die Stube schlich, auf das Sofa stieg, und sich an meinem Adventskalender zu schaffen machte. Ich wusste genau, dass es mein Kalender war, denn sie sind oben rechts mit unseren Namen angeschrieben. Ich rannte in die Stube, gerade als Anna das Türchen des 15. Dezembers mit ihren kleinen Fingern aufbrechen wollte. „Was machst du mit meinem Adventskalender?“ fuhr ich sie erbost an. So was geht gar nicht! Anna erschrak so sehr, dass sie meinen Adventskalender auch noch fallen liess. Naja, zumindest war das Türchen von Tag 15 noch nicht ganz beschädigt. Ich kam also gerade zur rechten Zeit, und mein Auftreten zeigte offenbar Wirkung, denn Anna begann zu weinen. Eigentlich sehe ich es nicht gerne, wenn meine kleine Schwester weint, aber sorry, bei Schokolade hört der Spass auf. Das beruht auf Gegenseitigkeit, und das weiss ich ganz genau. Denn noch vor einem Jahr durften wir unsere Kalender in unseren Zimmern behalten, nachdem jedoch Anna alle Türchen bereits vor dem zweiten Advent und ich meine sogar noch früher aufgebrochen hatte, um an die köstliche Schokolade zu kommen, haben unsere Eltern für dieses Jahr die Adventskalender in der Stube aufgestellt. Dazu haben sie folgende Regel erlassen: Das Türchen darf jeweils am Morgen zum Frühstück und nur unter Aufsicht von Mama oder Papa geöffnet werden.
Was Anna am Abend des 14. Dezembers tat, war also ein grober Verstoss gegen die Regeln. Wer weiss, was dies für eine Konsequenz im Bezug auf den Adventskalender im nächsten Jahr haben könnte? Das war das eine. Das andere war, dass sie sich an meinem Adventskalender zu schaffen machte. DAS hätte definitiv Konsequenzen. Und nicht erst nächstes Jahr!
Anna schluchzte: „Ich habe gemeint, das sei mein Kalender“.
„Hallo?!“, gab ich wütend zurück, „du bist jetzt Sieben, du kannst doch lesen, oder nicht?“
„Doch nicht so gut, wie du!“, antwortete Anna mit der Logik einer Siebenjährigen. „Ich hatte doch nur Hunger“, fuhr sie fort. Also, das war jetzt mal eine vernünftige Begründung. Die war sogar nachvollziehbar. Zum Abendessen gab es ein Obstmüesli, von Mama selber gemacht. Anna mag es nicht besonders. Nur mit grösster Mühe bringen die Eltern sie jeweils dazu, davon zu essen. Anna hatte keine andere Wahl, denn es gab sonst nichts. Keine Ausnahme für Anna. Da kennen unsere Eltern keine Gnade. Etwa so, wie der Kaiser gestern in dem Film.
Unser Streit lockte schliesslich die Eltern aus der Küche in die gute Stube. Papa erfasste die Lage sofort, beschlagnahmte die beiden Adventskalender und sperrte sie in den nächstmöglichen Wandschrank. Und seither blieben sie dort drinnen. Der Wandschrank wurde verschlossen und der Schlüssel in einer Küchenschublade verstaut. Ich hab mir die Schublade gemerkt.

Für unsere Eltern war das Thema „Adventskalender“ damit vom Tisch. Nicht jedoch für mich! Ich sann lange nach Vergeltung. Da es jedoch in der Schule vor Weihnachten nochmal streng wurde mit Prüfungen und vielen Hausaufgaben, hatte ich gar nicht so viel Zeit, mir einen Plan auszuhecken. Und ich hätte die Sache schlussendlich wohl ruhen lassen oder gar vergessen, wenn mich dieser römische Feldherr im Film gestern nicht daran erinnert hätte, dass ich mit meinem Feind noch eine Rechnung zu begleichen habe.
Nach dem Film lag ich noch lange wach im Bett. Ich fing an, wie ein römischer Feldherr zu denken. Ich musste bei meinem Feind eine Schwachstelle finden. – Und bingo, da war sie! Das Stichwort hiess einmal mehr: Schokolade. Schon seit dem Öffnen des allerersten Türchens schwärmt Anna bereits vom vierundzwanzigsten Türchen, und wie sie sich freue, dieses endlich aufmachen zu dürfen. Gefühlte tausend Mal hat sie schon gefragt, was wohl dieses Jahr darin verborgen sei? „Schokolade“, hatte ich ihr jeweils geantwortet, und den Gleichgültigen, gespielt. Schliesslich war ich der coole, grosse Bruder, für den ein Schokoladenstück mehr oder weniger doch nichts Besonderes war. In Wirklichkeit jedoch freute auch ich mich wie ein kleines Kind auf das vierundzwanzigste Türchen, denn dieses Schokoladenstück war wirklich riesengross!!
Als ich so da lag und grübelte kam mir die perfekte Idee. Ich huschte aus dem Bett, ertastete meine Taschenlampe und dann suchte ich leise auf meinem Pult nach Schere, Leimstift und Klebeband. Sowas auf meinem Pult zu finden, ist schon tagsüber nicht leicht; meine Mama bezeichnet meine Unordnung als „das pure Chaos“. Deshalb dauerte es in der Dunkelheit natürlich etwas länger. Als ich alles beisammen hatte, was ich dachte, für mein Vorhaben gebrauchen zu können, schlich ich zur Zimmertüre. Ich lauschte, und als ich sicher war, dass alle anderen Familienmitglieder bestimmt schliefen, löschte ich die Taschenlampe, öffnete die Zimmertür und schlich zur Treppe, welche hinunter in den Wohnbereich führt. Die Treppe macht einen leichten Bogen und als ich hinunter in die Stube sah, blieb ich wie angewurzelt stehen. Was ich sah, verschlägt jedem tüchtigen Feldherrn den Atem: Meine Schwester Anna, sass auf dem Boden vor dem offenen Schrank und bearbeitete meinen Adventskalender. Dass es mein Kalender war, sah ich ganz genau, denn das Mondlicht schien von draussen durch ein Fenster und beleuchtete die Szene. Leise ging ich wieder zwei Stufen hoch und drückte mich an die dunkle Seite der Wand, so dass mich mein Gegner von unten nicht sehen konnte. Ich hingegen konnte sie beobachten, wie sie soeben mein vierundzwanzigstes Türchen mit ihren kleinen Fingerchen sorgfältig verschloss und irgendwie festdrückte, als habe sie etwas Leim hingemacht. Dann stand sie auf, hievte den Kalender zurück in den Schrank, verschloss die Tür und schlich sich in die Küche um den Schlüssel in die Schublade zurückzulegen.
Alle Achtung für meinen Gegner! Das musste ich mir eingestehen. Nicht nur, dass sie ebenfalls wusste, wo die Eltern den Schrankschlüssel versteckt hatten, nein, mein gerissener Feind hatte soeben den Plan gegen mich angewendet, den ich eigentlich ausführen wollte. Langsam wich die Bewunderung für meine Schwester und ich wurde, gelinde gesagt, etwas sauer. Als ich bemerkte, dass Anna zur Treppe schlich um wieder hoch in ihr Zimmer zu gelangen, zog auch ich mich leise zurück und verharrte schliesslich in meinem Zimmer, bis ich das leise Öffnen und Schliessen der Zimmertüre nebenan vernahm. Weil ich so angestrengt lauschen musste, hatte ich keine Zeit um nachzudenken. Doch als schlauer Feldherr nahm ich mir anschliessend die Zeit, mir mein weiteres Vorgehen zurechtzulegen. Denn ich wollte noch nicht sofort aus dem Zimmer schleichen, das Risiko, von meinem Feind doch noch abgefangen zu werden, war mir noch zu gross. Meine Strategie war dann schnell gefunden. Ich beschloss, den ursprünglichen Plan auszuführen und am nächsten Morgen den Unwissenden zu spielen, und so meinen Gegner ins offene Messer laufen zu lassen. Ich war überzeugt, mein Schlachtplan funktioniert.

Als ich mir sicher war, dass ich unbemerkt mein Werk vollbringen konnte, schlich ich mich hinunter in die Küche, wo ich den Schlüssel zum Schrank im Wohnzimmer auf Anhieb fand. Anna hat ihn genau dorthin zurückgelegt, wo er sein sollte. Kluges Mädchen. Dann machte ich mich an die Arbeit. Es gelang mir wie ich fand, hervorragend, obwohl ich im fahlen Mondlicht doch etwas länger brauchte, als ich eigentlich wollte. Zum Glück blieb oben alles still. Als ich fertig war und noch eine Minute im Wohnzimmer stand, musste ich an dieses Weihnachtslied denken: „Stille Nacht, heilige Nacht, alles schläft, einsam wacht…“ Einen Moment lang schaute ich zum Fenster hinaus in die ruhige, nur vom Mondlicht sanft erhellte Natur. Ja, die Nacht war still, und hätte sogar etwas Heiliges an sich gehabt, wäre da nicht der ruhelose Feldherr, der einsam wacht. Ich verdrängte diesen Gedanken, stand auf, stellte Anna’s Adventskalender sachte zurück in den Schrank, schloss den Schrank ab, verstaute den Schlüssel und schlich zurück in mein Zimmer. Das grosse Schokoladenstück, dass ich in den Händen hielt, schmolz langsam dahin. Ich biss ein Stück ab. Die Schokolade verklebte mir den Mund, aber sie schmeckte mir nicht. Noch einmal musste ich aus meinem Zimmer schleichen um mir im Badezimmer Mund und Hände abzuwaschen. Erst danach konnte sich der grosse römische Feldherr zur Ruhe legen.

So, jetzt kennt ihr meine Story, und das ist auch gut so, denn Anna hüpft soeben die Treppe runter. Sie lächelt in die Runde. „Guten Mooorgen“, sagt sie und kommt sofort zur Sache, „hat Tim sein Türchen schon geöffnet?“ Offenbar kann sie es kaum erwarten. Sie mag eine schlaue Strategin sein, aber die Tugend der Geduld ist ihr nicht gegeben. Anna fährt fort: „Ich möchte nämlich eeeendlich mein Türchen öffnen, ich freu‘ mich so sehr! – Aber heute muss Tim sein Türchen zuerst öffnen.“
„Nein, nein!“, sage ich und winke ab. „Du darfst deins gerne zuerst aufmachen“. Ich verschränke die Arme und lehne mich lässig auf meinem Stuhl zurück. Mama und Papa blicken verständnislos aus der Wäsche. Dieses Verhalten sind sie sich von ihren Kindern sonst nicht gewohnt. „Also guuut“, sagt Anna, „ich fang‘ an.“ Hastig öffnet sie ihr letztes Türchen, ja sie reisst es richtiggehend auf! Es scheint ihr gar nicht aufzufallen, dass ich es präpariert hatte. Sie starrt einfach nur glückselig auf das leere Feld hinter dem Türchen. Ich begreife die Welt nicht mehr! Wieso fängt sie nicht an zu schreien, weil die Schokolade fehlt? – Ich gehe etwas näher hin um zu sehen, wieso ein leeres Adventstürchen sie so fasziniert. „Schau mal“, flüstert sie, zupft mich am Ärmel und zeigt mit ihrem Fingerchen auf das Bild auf der Rückwand, „Schau, wie süss! Das ist Maria, das ist Josef und hier in der Krippe liegt der kleine Jesus!“ – „Aha“, ist das einzige, was mir einfällt. „Auf das Bild habe ich mich schon lange gefreut“, erklärt Anna, „jetzt ist Weihnachten!“. Plötzlich geht ein Ruck durch ihren Körper, als hätte sie was vergessen. Sie schaut mich an und sagt: „Aber jetzt muss du schnell dein Türchen öffnen, bitte!“ Ich bin verwirrt. Wortlos setze ich mich wieder auf meinen Platz und öffne das präparierte Türchen mit der Nummer 24 ganz langsam. Was erwartet mich jetzt? Einen kurzen Moment blicke ich auf und sehe die glänzenden Augen meines Gegners… äh, also meiner Schwester, will ich sagen. So blickt doch niemand, der einem etwas Böses will!
Ich habe mein Türchen offen. Die Schokolade ist noch da. Aber auf der Schokolade liegt ein gefalteter und zerknitterter weisser Zettel. Ich nehme ihn hoch und falte ihn auseinander. Zuerst weiss ich nicht genau, was das soll, bis ich merke, dass ich den Zettel verkehrt rum halte. Nun kann ich es lesen. Meine kleine Schwester hat mit ihrer Erstklässler-Handschrift ein paar wenige Worte auf das Papier gekrizelt: „LIEHBER TIM, ES TUT MIR MEGA LEID WEIST DAS WEGEN SCHOKOL“. Die Nachricht hat einige Fehler, denn sie hat Buchstaben verwendet, die sie nach einem halben Jahr in der Schule soweit ich weiss noch gar nicht gelernt hat, und hört mitten im wichtigsten Wort auf, weil der Zettel wohl zu klein ist für all die grossen Buchstaben. Trotzdem weiss ich genau, was mir meine Schwester mit dieser Nachricht mitteilen möchte.
Der ach so tapfere Feldherr muss sich jetzt eine Träne verkneifen. Als ich wieder in die erwartungsfrohen Augen meiner Schwester blicke, weiss ich, dass ich mir meinen Gegner nur eingebildet hatte. Ja, ich bin sogar ein bisschen beschämt dafür, dass ich meiner Schwester schlechte Absichten unterstellte und so lange nachtragend war.

Bevor ich meine Gedanken sammeln kann, höre ich mich selber laut sagen: „Der grosse Feldherr streckt seine Waffen“. Meine Eltern starren immer noch verständnislos aus ihren noch müde wirkenden Gesichtern. Als ich mich umsehe, mir bewusst wird, dass ich gerade etwas sagte, was wohl nur ich verstanden habe, muss ich laut loslachen. Für alle andern hat es wohl komisch geklungen, aber ich weiss, was mir diese Worte bedeuten.
Ich stehe auf, packe meine Schokolade, setze mich neben meine Schwester und breche ihr ein grosses Stück der leckeren Süssigkeit ab und schiebe es zu ihr hin.
„Komm“, sage ich zu Anna, „lass uns dieses Bildchen nochmals gemeinsam anschauen“.
And I pray for a changed heart, to walk with you, Lord, and never depart!
(Place of Skulls)
 
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Registriert: Mo 05.Nov 2007, 19:06
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